Verletzlichkeit

Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. 2. Korinther 12,9-10

Jede echte Beziehung beinhaltet Verletzlichkeit. Denn der Versuch, etwas auf dieser Welt zu erschaffen, bedeutet, ein Risiko einzugehen. Alles Schaffen ist ein Ausdruck von Verletzlichkeit.

Auch in unserer Biologie. Wir sind ein Höhepunkt wundersamer Systeme, Organe und zellulärer Mysterien, die uns bis heute verwirren. Wenn all diese Teile zusammenwirken, ist es eine Freude darin zu existieren. Aber wenn etwas schief geht, sind es furchtbare Albträume, die daran hindern, nachts zu schlafen oder unsagbares Leid verursachen.

Wir sind wunderbar und ängstlich zusammengefügt, und erst seit kurzem können wir dank moderner Wissenschaft und Forschung an diesem Prozess teilhaben und dem Werden eines Menschen im Mutterleib zusehen.

Dieses innere Geheimnis ist eine verletzliche Beziehung zwischen zwei Individuen. Das sich entwickelnde Kind vertraut darauf, dass die Mutter alles bietet, was es braucht – Nahrung, Ruhe, Schutz –, damit es zu seiner wundersamen Vollendung zusammengefügt werden kann. Die Mutter bietet sich dem entwickelnden Kind an, im Vertrauen darauf, dass es das nimmt, was es braucht, um zur Vollendung zu reifen, während sie es unterlässt, ihrem eigenen Körper zu schaden, zu verletzen und dessen zu berauben, was er zum Überleben braucht. Beide wachsen zusammen, verbunden an ihren Schwachstellen. Beide gehen das Risiko ein, gemeinsam etwas Neues zu schaffen und dieses Risiko beeinhaltet auch das Scheitern. Sie alle kennen Frauen, die eine Fehlgeburt hatten, etwa jede dritte bis vierte Schwangerschaft endet mit einer Fehl- bzw. Totgeburt. Die Risiken sind allzu schmerzhaft real.

Die Mutter steckt ihre ganze Kraft in eine noch unbekannte Liebe für einen Menschen, der ihr Leben für immer verändern wird. In gewisser Weise beginnen wir alle so zu erleben, wie Christus in uns wächst. Wie Meister Eckhart einst sagte: „Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles.“ Die Welt braucht jetzt die Menschwerdung, den Leib Christi, um vereint und liebevoll zu sein.

Jesus blieb sein ganzes Leben und Wirken bei denen, die verletzlich waren. Er öffnete sein Herz denjenigen, die des Systems überdrüssig waren, die keine Macht und den niedrigsten Stand in ihrer Gesellschaft hatten. Denn es erfordert Kraft, wirklich verletzlich zu sein. Um auf der Seite der Kleinsten zu stehen, mit uns zu leben und zu leiden in unserer Unsicherheit und Unfähigkeit, kam Gott in der Verletzlichkeit der Krippe zur Welt und vollendete sein Leben durch die Verletzlichkeit des Kreuzes.

Dies ist der Weg der reinen Liebe. Eine Liebe, die sagt, ich werde das mit dir durchmachen. Als Allmächtiger könnte ich dein Leiden ablehnen, aber ich entscheide mich, es zu teilen. Ich lege meine Geburt, mein Leben, meinen Tod für dich nieder.

Was sagt es über einen Gott aus. . .

der bereit ist so verletzlich zu sein?

der bereit ist, durch das statistische Risiko einer Geburt auf die Welt zu kommen?

der bereit ist, sich durch eine Plazenta für Nahrung und Leben an seine eigene Schöpfung zu binden?

der bereit ist, zu warten und im menschlichen Schoß zu wachsen?

der bereit ist, ängstlich und wunderbar gemacht zu werden, so wie wir es sind?

Gott kam zu uns schwimmend in embryonaler Flüssigkeit. Langsam Form und Gestalt annehmend. Eingebettet in die Gebärmutterwand einer Teenagerin aus dem Nahen Osten.

Was sagt es über einen Gott aus, der bereit ist, so verletzlich zu sein, sich zu öffnen, um sich tief mit uns zu verbinden? Und sind wir eigentlich bereit, dasselbe zu tun?

Anica Dyrba

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