Seelsorge in einer entseelten Welt

Wir waren zuletzt ein wenig in den Archiven der Galerie Güstrow unterwegs, dabei sind wir auf folgende Predigt des Güstrower Pfarrers Hans Naczenski gestoßen, die erstaunlich gut gealtert ist:

Seelsorge in einer entseelten Welt

1. Wir leben in einer säkularisierten Welt

Ein wichtiger Grund für die Unsicherheit in der heutigen Seelsorge ist die wachsende Säkularisierung des menschlichen Daseins, wodurch immer weitere Lebensgebiete dem direkten Einfluss der Religion entzogen werden.

Obwohl dieser Säkularisierungsprozess in Europa schon im 18. Jahrhundert deutlich zu spüren war, war die geistige Mentalität dieses und der folgenden Jahrhunderte noch zum größten Teil durch eine religiös ausgerichtete Gesellschaft geprägt. Es waren die Städte und Dörfer, in denen die Kirchen noch die bemerkenswertesten Gebäude waren, und es waren die europäischen Völker bei denen die Kirche meistens ihre zentrale Stellung im öffentlichen Leben behalten hatte. Die Religion spielte eine beherrschende Rolle in den Angelegenheiten der Familie und der Gemeinde.

Heute hat aber auf der ganzen Welt eine rapide Veränderung eingesetzt. Die von den Kirchen gegründete Erziehungs- und Fürsorgeinstitutionen werden vom Staat übernommen. Die ehemaligen Formen der Kirchenzucht werden nicht mehr anerkannt. Die alte, auf die Kirche konzentrierte Gemeinde weicht einer neuen Stadt, die von Fabriken beherrscht wird, und in der die Kirche nur noch das private Freizeit-Interesse einer Minderheit zu repräsentieren scheint.

Der Säkularisierungsprozess geht überall auf der Welt unerbittlich seinen Gang. Man kann zunächst diesen Prozess als eine zunehmende Befreiung des einzelnen aus der Bevormundung durch nationale Verbände und örtlich begrenzte Gemeinschaften betrachten. Früher waren die Menschen auf die Gesellschaft ihrer Nachbarn angewiesen. In einer modernen Stadt kann man seine Nachbarn ignorieren und sich mithilfe des Autos nach belieben Freunde suchen. Der Mensch kann folglich seine Lebensweise weitgehend selbst gestalten. Das Geld ist nicht mehr an den Gold- und Silberstand gebunden, durch den der Wert der Dinge bestimmt werden kann, sondern ist ein flexibles Instrument in der Hand der Regierungen, um die wirtschaftliche Entwicklung unter Kontrolle zu halten. Die Menschheit ist immer weniger dazu gezwungen, das Leben als gegeben anzunehmen. Es wird mehr und mehr zu einer Frage persönlichen Lebens oder der Familie bis zu wichtigen Lebensfragen der Gesellschaft.

Da in gewisser Hinsicht diese Auflösung des bislang vorhandenen ein befreiender Vorgang ist, wäre es für die Kirche sinnlos, sie zu bedauern, auch wenn dadurch frühere Bindungen verschwinden.

Es mag für einen Seelsorger schmerzlich sein, seine Gemeinde dem zersetzenden Einfluss der Großstadt oder der Großbetriebe ausgeliefert zu wissen; um der Menschen willen aber, die davon betroffen werden, muss die Kirche alles tun, um den Ansturm dieser neuen Mächte auf die alte Gemeinschaft zu mildern. Es ist offenkundig unmöglich, die alte Form der kirchlichen Gemeinschaft auf die Dauer zu erhalten. Die Herausforderung durch die mündig gewordene Menschheit muss aufgenommen werden.

Christlicher Glaube und christliche Nachfolge werden immer mehr eine Frage persönlicher Entscheidung. Und es wird immer schwieriger werden, die Menschen durch die Bande der Sitte oder durch den Druck das Gewissen verpflichtender Sanktionen beim Glauben zu erhalten. Der christliche Lehrer, Arzt oder Fürsorger wird mehr und mehr so gut wie der christliche Arbeiter, Landwirt oder Ingenieur seine Arbeit ohne den Schutz einer christlichen Institution leisten müssen.

Wir sehen, dass die Säkularisierung einerseits Befreiung bedeutet, andererseits aber auch eine drohende Gefahr für ein Leben aus dem Glauben.

Befreiung bedeutet ja nicht Lösung von jeglicher Bindung, sondern ein bewusstes ‚Ja‘ zu ihr oder zu irgendeiner Form des Dienstes. Dienst ist ja Bindung. Ohne dieses bewusste ‚Ja‘ verfällt der säkulare Mensch sehr schnell einer neuen Hörigkeit.

Gerade Gesellschaften, die im Verlauf der Säkularisierung ein Maximum an persönlicher Freiheit erreicht haben, bilden neue Formen der Abhängigkeit aus von anonymen Mächten, wie ‚wirtschaftliche Notwendigkeit‘, Massenorientierung, Modezwang, Angst vor physischem und psychischem Terror oder moderner Technik. Aber auch die Tatsache, dass der christliche Glaube in zunehmendem Maße persönliche Entscheidung wird, kann fälschlich so ausgelegt werden, als interessiere sich die Christenheit nur für den engen Bereich persönlicher, moralischer Probleme. Wo dies geschieht, besteht die Gefahr, dass das Evangelium missverstan­den wird als ein bloßes Angebot individuellen und privaten Heils.

Wenn die Kirche sich heute gezwungen sieht, auf die Bevormundung oder den direkten Einfluss auf das kulturelle oder soziale Leben der Menschen zu verzichten, bedeutet das nicht notwendig eine Niederlage der Kirche.

Es ist zunächst die Mahnung, sich daran zu erinnern, dass zwar alle Lebensbereiche Christus untertan sind, aber nicht alle der Kirche gehören und, ihr somit auch nicht untertan sind.

Und es erinnert daran, dass Christi Herrschaft über alle Lebens­gebiete sich nur im Heiligen Geiste bezeugt. Er, der Heilige Geist vermag über den Klerus, die Synode oder andere kirch­liche Wirksamkeiten hinaus den einfachen Christen zu bewegen, die Welt mit heiligem Geiste zu beleben und Zeugnis vom Glauben zu geben.

Auch die modernen gesellschaftlichen Strukturen sind, ja irgendwie ein Teil von Gottes Schöpfung und bilden den Rahmen des mensch­lichen Daseins. In der Nachfolge des Herrn muss die Kirche sie als den Rahmen ihres Lebens annehmen und die besonderen Pflichten erfüllen, die ihr aus ihnen erwachsen.

Durch die Teilhabe am Leben des Heiligen Geistes haben die Christen Teil an seinem Sieg und sind darum von Hoffnung und Zuversicht erfüllt. Im Lichte diese Zuversicht sehen und beurteilen sie die neuen Strukturen der Gesellschaft und der Gemeinden.

Wir hören heutzutage viel mit mahnender Stimme vor unsrem so durch und durch technisierten Zeitalter warnen:

vor den Steinklötzen moderner Großstädte, in Jene die Menschen verfremden;

vor der Menge der Maschinen und Apparate, die uns die Natur verlernen lassen;

vor Atomkraftwerken, die das Leben bedrohen;

und Autos, die die Luft verschmutzen.

Doch alles Jammern hilft nichts, denn es ist nicht die Lösung des Problems. Wir müssen vielmehr lernen, mit Blumen und Steinen zu leben und auch mit der Gefahr.

An der Kaufhalle, einem nicht grade schönen Bau aus Wellblech und Beton, hat hinter dem großen ‚K‘ der Neonbuchstaben ein Sperlingspaar sein Nest gebaut. Sie fliegen rein und raus, piepsen und schwätzen, lassen ab und zu was fallen und tun, als wäre es das selbstverständlichste von der Welt, dort zu nisten, zwischen Wellblech und Beton. Sie bleiben sich und ihrer Art treu, sie bleiben Spatzen – zwischen Wellblech und Beton. Sollten wir es nicht auch versuchen, zwischen Steinblöcken und Atomkraftwerken, mit Autos und Apparaten Mensch zu bleiben und den Schöpfer zu preisen, der uns alles zur Verfügung gestellt hat, um das Beste daraus für uns zu machen. Ich glaube, dann würde es auch weniger Pannen in unsrem Leben geben und weniger Katastrophen, und wir hätten Kraft genug, die Unbilden des Alltags zu bewältigen und auch unser Kreuz zu tragen. Dann wären wir auch fähig und wert, das säkularisierte Leben mit heiligem Geiste zu durchglühen. Es wäre nichts anderes als das, was Jesus, der Herr, auch getan hat. Denn auch Er fand eine andere Welt, eine fremde Welt vor, die es galt, vom Heiligen Geiste zu erfüllen und ihr das Evangelium vom Reiche Gottes und dem Vater zu künden, ihr die Seele, das Herz wiederzugeben.

Sie haben sich und ihres gleichen nicht vergessen und wohl auch ihren Schöpfer nicht, von dem sie das Leben haben – zwischen Wellblech und Beton.

2. Seelsorge ist die Sorge um das Herz.

Vom Herzen zu sprechen ist heute vielen Gläubigen, grade auch Priestern und Theologen, peinlich. Es handelt sich dabei nicht um direkte Glaubensschwierigkeiten, sondern eher um ein menschliches Problem.

Das Leben lehrt uns Sachlichkeit und kühle Distanz. Sogar unter Liebenden wird die Sprache des Herzens versachlicht. Modernen Schriftstellern kommt das Wort ‚Herz‘ nur selten in die Feder, geschweige in der wissenschaftlichen Literatur- es sei denn, von Transplantationen ist die Rede. Dabei ist unsre Alltagssprache noch von ‚Herz‘ erfüllt, angefangen von herzlichen Grüßen bis zu einem herzlosen Menschen. In der Bibel kommt das Wort ‚Herz‘ 244-mal vor, genau so oft wie der ‚Himmel‘. Im Herzen sind Gut und Böse zu Hause. Im Herzen fallen Entscheidungen, liegt die Verantwortung. Es ist der Ort, wo sich das Wissen um die eigene Schuld, sammelt. Aus dem Herzen kommt der Glaube, in ihm ist alles Wesentliche begriffen. Nur über das Herz kann man Zugang zum Menschen gewinnen. ‚Wer einen Menschen gewinnen will, sagt Don Bosco, muss sein Herz an die Angel hängen. Das Herz kann sich Gott verschließen und verhärten, oder es kann sich dem Schöpfer und seinen Wundern öffnen. Im Herzen sind Freude und Trauer. Im Herzen eines Menschen, des Gottmenschen, ist die Erlösung der Menschen beschlossen.

Eine säkularisierte Welt ist auch eine Welt, in der das Herz gefährdet ist, und nicht nur das physische durch den Infarkt.

Seelsorge an einer solchen Welt wäre, ihr das Herz wiederzugeben, oder es zu stärken. Das hat Christus mit den Gleichnissen seiner Predigt getan. Die Blumen auf dem Feld und das Gras, der Schatz im Acker und die Steine, der Pflug und die Wurfschaufel, selbst der Taler und das Unkraut werden mit Leben erfüllt und den Zuhörern so zum Träger einer beseelten Welt.

So ist wahrhaftig das Wort Mensch geworden und hat unter uns gewohnt.

Ich möchte hier nur einige Punkte nennen, an denen die seelische Entfremdung unsrer Welt sichtbar wird:

Die allseitige Versachlichung unsres Lebens – die ungeordnete Romantik, wie sie uns in der Nostalgiewelle begegnet, ist kein Ersatz für mangelnde Seele.

Die Entmythologisierung aller Lebensbereiche – dabei ist ein zunehmender Aberglaube festzustellen.

Der Schwund der Seele als Folge der totalen Materialisierung des Lebens.

Die Kaufbarkeit aller Werte.

Die Machbarkeit aller Vorstellungen.

Die Entblätterung der Geheimnisse (Presse, Denunzierung)

Der Striptease des Numinösen in Forschung, in der Theologie, in der Liturgie, in der Literatur und im Beieinander der Menschen.

Dies und vieles mehr müsste wohl zur Aufgabe der Seelsorge werden, die sich um die Seele kümmert.

3. Wohin geht heutige Seelsorge?

Man kann keine Seelsorge an der modernen Welt treiben, ohne im Stande zu sein ihr bis zu einem gewissen Grade zu begegnen, wo ihre Interessen liegen, und ihr zu zeigen, dass der christliche Glaube auch diese Welt in einem neuen Lichte erscheinen und ihr die Kraft geben kann, sie konstruktiv zu gestalten. Ein moderner Seelsorger muss einigermaßen verstehen können, was z.B. die Industrie in Gottes Heilsplan zu bedeuten hat, was Gott durch sie tut und auf welche Weise er uns dort als seine Mitarbeiter haben will.

Eine innere Erfahrung der Liebe Gottes mag gut und schön sein, solange sie aber nicht durch die Erfahrung ergänzt wird, dass die gleiche Liebe auch in der Welt am Werke ist, kann sie keine bleibende Grundlage für Seelsorge sein. Wenn die Seelsorge so vernichtende Rückschläge erleben muss wie in den meisten europäischen Ländern, die sich obendrein noch christlich nennen oder durch Jahrhunderte als solche galten, dasselbe gilt von überseeischen Ländern, dann muss eine solche Seelsorge, die nichts über die Bedeutung säkularisierter Geschichte auszusagen weiß, zusammenbrechen.

Die Seelsorge ist nicht unser, sie ist Gottes. Wir haben es nicht mit einem Unternehmen unsrer eigenen Wahl und Planung zu tun. Wir sind eingeladen, teilzuhaben an einem Handeln Gottes, das der eigentliche Sinn der Schöpfung ist. Wir sind eingeladen durch die Gegenwart des Heiligen Geistes an dem liebenden Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater teilzuhaben und an seinem Erlösungswerk. Die ganze Geschichte ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Die ganze Schöpfung hat darin ihren Zweck. Die Kirch hat nicht die Verheißung auf Erfolg, wohl ab er die Zusicherung, dass Er alle Tage bei uns sei bis ans Ende, und den Trost, dass Er die Welt überwunden habe.

Hans Naczenski

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