Die Gnade des Wartens

Dieses Jahr hat gesundheitliche Katastrophen, finanzielle Spannungen, Spaltungen, Beziehungskonflikte und politische Unruhen mit sich gebracht. Wir sind erschöpft von einem Jahr voller Strapazen. Und in unserer Müdigkeit sind wir oft versucht, nach kurzfristiger Befriedigung zu greifen oder Wege zu finden, um unseren Schmerz zu betäuben oder zu entkommen.

Aber es gibt noch eine vierte Option. In unserer Not können wir unser Bedürfnis nach Hoffnung, Glauben, Freude und Frieden erkennen. Wir können an Christus festhalten, auf den wir hoffen (Ps 33,22), der unseren Glauben begründet (Hebr 12,2), der uns mit Freude erfüllt (Röm 15,13) und der selbst unser Friede ist (Eph. 2,14). Wir erwarten Jesus.

Die Weihnachtsgeschichte ist voller schmerzlicher Sehnsucht. Maria wartete ab, wie die Leute von ihrer unerwarteten Schwangerschaft erfahren würden. Josef wartete darauf, in seine Heimatstadt zurückkehren zu können, während Herodes nach dem Jesuskind suchte. Und alle sehnten sich nach einer guten Nachricht von großer Freude. Advent, was „Ankunft“ bedeutet, ist sowohl der Anfang als auch das Ende des Wartens der Menschheit. Es ist jene Zeit des Jahres, in der die Kirche das erste Kommen Jesu nach Tausenden von Jahren des Wartens feiert, während sie weiterhin auf seine Rückkehr sehnsüchtig hofft und vertraut.

Unsere Gesellschaft hingegen lässt sich allzu leicht ablenken. Social Media, Streamingdienste, Alkohol, Drogen aller Art, die heilige Gnade des Wartens hat es da schwer. Wenn wir unseren Browser aktualisieren können, damit er zehn Sekunden schneller ist, tun wir das. Selbstverständlich. Diese Pandemie verbreitet nicht zuletzt deshalb schlechte Stimmung, weil sie uns schmerzlich an das harte, beschwerliche Dasein erinnert, das wir glaubten mit dem Beginn des Neuen Jahrtausends hinter uns zu lassen. Eine solche Zeit taugt nicht für eine Spiritualität ‚easy to go‘, die nicht bereit ist, auf Gottes Verheißungen zu warten. Nein, da wollen wir lieber wieder die alten oberflächlichen Bestrebungen, die uns letztendlich erschöpfen und auszerren.

Die Notwendigkeit des Wartens zeigt, dass uns etwas Wesentliches in diesem Leben fehlt. C. S. Lewis schrieb einst: „Kreaturen werden nicht mit Begierden geboren, es sei denn, es besteht Befriedigung für diese Begierden.“ Dies bedeutet nicht, dass alle unsere Wünsche von Natur aus gut sind, sondern unser unbefriedigter Zustand offenbart unseren Mangel und letztendlich unsere Abhängigkeiten.

Ob wir es erkennen oder nicht, Jesus ist der wahre Wunsch unseres Herzens. Er lädt uns ein, zu ihm zu kommen und die Ruhe zu finden, nach der wir uns sehnen. In ihm verspricht Gott, uns nicht nur zu geben, was wir erwarten, sondern uns anzupassen, während wir warten. Wir werden nach und nach in das Bild des Sohnes umgewandelt (2. Kor. 3,18).

Erinnern wir uns zum Ende dieser Adventszeit daran, dass Jesus hierher kam, um am Kreuz zu leiden und Gottes Zorn zu ertragen, damit wir es nicht müssen. Verkünden wir, dass er ein Königreich bringt, das so befriedigend ist, dass wir nie wieder warten müssen. Lassen Sie uns klarstellen, dass wir nicht darauf warten, was Gott für uns tun kann, sondern auf Gott selbst. Wenn Sie sich dieses Weihnachten also ängstlich, depressiv oder allein fühlen, ist vielleicht die beste Frage, die Sie sich stellen können: „Worauf wartest du?“

Anica Dyrba

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